Worauf achten Sie, wenn Ihnen jemand etwas erzählt? Auf seine Worte oder auf den Stimmklang? Es kommt ganz darauf an. Genau. Nur worauf kommt es an? Hier erfahren Sie in welchen Situationen eher der Stimmklang wichtig ist und wann der Inhalt der Worte überwiegt. 

 

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen eine Stadt und fragen einen Passanten nach dem Weg. Der Passant gibt Ihnen bereitwillig Auskunft: „Biegen Sie an der Ampel rechts ab und gehen dann 50 Meter geradeaus.“ Stellen Sie sich nun vor, Sie haben sich ein neues Kleidungsstück gekauft und zeigen es einem Freund oder einer Freundin. Sie hören: „Du siehst wirklich toll darin aus! Das passt Dir hervorragend!“ Beides wurde mit monotoner Stimme gesprochen. 

 

In welcher der beiden Situationen würden Sie eher auf den Klang der Stimme achten? Selbst wenn beide Stimmen eher monoton klingen, dann ist es Ihnen vermutlich egal, wie der Passant spricht. Hauptsache: Sie verstehen die Wegbeschreibung. Im Falle des Kleidungsstückes glauben sie Ihrem Freund vermutlich nicht, dass Sie wirklich so toll aussehen. Hätte der Freund Ihre Erscheinung nun ganz übertrieben und überbetont gelobt, glauben sie es vermutlich ebenfalls nicht. 

 

Der Unterschied liegt in der Rahmenbedingung. 

 

Gefühl oder Information 

 

Wenn es um Sachinformationen geht, haben Worte die größere Bedeutung. Sprache ist nun einmal in der Lage, präzise und differenziert Inhalte zu vermitteln. Beispiele hierfür 

sind ein Gespräch beim Rechtsbeistand, eine Vorlesung an der Uni, eine gesprochene Bedienungsanleitung oder die Stimme im Navi: Hier geht es nicht darum, wie der Sprecher zum Inhalt steht oder wie es dem Sprecher von seiner Gefühlslage her geht. Hier kommt es vorwiegend auf Sachinformationen und feststehende Daten an.  

 

Wenn es um Gefühle oder Meinungen geht, bekommt der nonverbale Anteil (Körpersprache und Stimmklang) ein höheres Gewicht. Wir hören nicht darauf, was jemand sagt, sondern wie es gemeint ist. Dies erscheint uns instinktiv ehrlicher und prägt eine Botschaft so stark, dass sie inhaltlich oft sogar ins Gegenteil verkehrt wird. Deshalb leitet uns in gefühlsbetonten Botschaften der Stimmklang. 

 

Natürlich ist die Kommunikation in Alltagssituationen meist nicht so eindeutig, dass jede Kommunikationssituation klar in Gefühl oder Sache zuordenbar ist. Gesprochene Sätze enthalten oft eine Mischung aus beidem. Oder sie gehen ineinander über. So kann eine sachliche Verhandlung in einem handfesten Konflikt mit aggressivem Unterton enden oder ein verärgerter Kunde in einem Reklamationsgespräch gut auf eine sachliche Ebene gelenkt werden. Dies kann dann wieder in einem positiven, zufriedenen Gefühl enden. 

 

 

Emotionale Werbung 

 

Hier gilt es den gefühlsmäßigen Gehalt eines Produktes zu transportieren. Bei Werbung erkennen wir auch die große Macht des manipulativen Einsatzes von Stimmklang. Hier dominiert die Emotion und damit das Gefühl, das ein Produkt erzeugen soll. Wenn Werbung funktioniert, kaufen wir bei Waschpulver, Autos, Kleidung und Nahrung, auch wenn wir das oft nicht glauben wollen, in erster Linie das Gefühl und dann erst wegen der sachlichen Informationen und der Inhaltsstoffe, die auf der Verpackung stehen.  

 

Nüchterne Nachrichten 

 

Anders bei Nachrichten: Hier geht es in erster Linie um Information, neutrale Mitteilung von Zahlen und Fakten, auch wenn die Ereignisse dramatisch sein können. Der Nachrichtensprecher vermittelt diese Infos mit bewusst sachlich, emotionsneutraler Stimmlage. Ob Veränderung im Steuersystem, der Wechsel eines Parteimitglieds, die Hungersnot in Afrika oder eine Bombenexplosion mit Toten und Schwerverletzten. Weil alles im gleichen Tonfall gesprochen wird, hören wir kaum Unterschiede.  

 

Emotionale Regungen oder Bilder im Kopf sollen bei Nachrichten gar nicht erst entstehen. Was bei der Werbung gewollt ist, soll uns bei Nachrichten informieren und dann wieder zur Tagesordnung übergehen lassen.  

 

Stimme färbt Inhalt 

 

Schulen Sie Ihre Wahrnehmung. Achten Sie in den nächsten Tagen in Ihrer Umgebung einmal drauf, wie Menschen sprechen.  

 

  • Geht es um Information oder eine persönliche Meinung?  
  • Werden selbst sachliche Informationen so eingefärbt, dass Sie mühelos die Meinung des Sprechers heraushören?  
  • oder erzählt jemand von seinem emotionalen Geburtstagsfest mit teilnahmslos innerlich unbeteiligter Stimme? 
  • Ist dem Sprecher selber bewusst, was er mitteilt?  
  • Passt die Art, die Stimme zu gebrauchen, zum Thema und zur Absicht?  
  • Oder vermittelt der Stimmklang eine ganz andere Information als der Inhalt der Worte?  
  • Ist diese Einfärbung gewollt, wie beispielsweise bei Ironie oder Sarkasmus, oder unbewusst? 
  • Wie sprechen Sie selbst? 

 

 

Ich wünsche Ihnen tolle Entdeckungen beim genauen Hinhören!