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Atemstütze

Durch die Atemstütze wird die Ausatemphase verlängert und bewusstgeführt. Hauptgedanke der Stütze ist es, durch eine Aufrichtung der Wirbelsäule, vor allem der Halswirbelsäule, durch Weithalten des Brustkorbes mit Hilfe der Zwischenrippenmuskeln und durch Kippen der Lendenwirbelsäule dem Einsinken des Atembehälters entgegenzuwirken, sodass sich das Zwerchfell so lange wie möglich in einer Tiefstellung befindet. Dies wirkt sich positiv auf den Luftdruck aus, der sich unterhalb der Stimmritze aufbaut und der zum Erzeugen von Tönen notwendig ist (subglottischer Druck), ebenso wie auf die Stimmlippenschwingungen.

Besonders in diesem Bereich ist es wichtig, klare Worte zu finden, um diesen schwammigen Begriff plausibel zu erklären. Eine plausible Definition ist die nach Winckel:

„Stütze ist der Halt, den die Einatmungsmuskulatur dem Zusammensinken des Atembehälters entgegensetzt. Die Stütze dient dazu, den zur Phonation notwendigen subglottischen Druck auf den kritischen Druck (optimaler Betriebsdruck) zu reduzieren.”

Einfach ausgedrückt: Ziel der Stütze ist die bewusste Führung des Ausatmungsluftstromes und die Verlängerung der Ausatmung. Dabei versucht man, die Bauchdecke während des Sprechens, also Ausatmens, nicht einfach einfallen zu lassen, sondern bewusst zu führen.

Ziel ist, dass sich das Zwerchfell bei der Ausatmung so langsam wie möglich wieder hebt, indem die Einatemspannung des Zwerchfells erhalten bleibt. Der Atemkörper muss während des Ausatmens also weit bleiben. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Atemspannung.

Ein Gefühl für die Atemspannung bekommen Sie, wenn Sie sich vorstellen, Sie betreten einen großen schönen Raum (beispielsweise einen Dom oder ein Schloss) und sind erstaunt über dessen Schönheit und Weite.In solch einer Situation werden Sie mit Ihrem Atem einen Moment innehalten. Ihr Atemkörper ist in diesem Moment geweitet. Denselben Effekt können Sie erzielen, wenn Sie sich vorstellen, Sie sitzen in einem stillen Raum, und plötzlich klopft es unerwartet an der Tür. Sie erschrecken und stellen sich die Frage, wer das wohl sein mag.

Auch hier wird ein Gefühl der Weite erzeugt. Genau dieses Gefühl soll bei der Stütze über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden. Das Einüben der Stützfunktion bewirkt zum einen eine Verlängerung der Ausatmung und befähigt somit zu einem längeren Sprechen. Zum anderen klingt die Stimme kräftiger und resonanzreicher.

Das Einüben  der Atem-Stütze

Legen Sie sich auf eine Matte auf den Rücken. Arme und Beine sind dabei ausgestreckt. Legen Sie nun eine Hand auf den Bauch, und atmen Sie einige Male ein und aus. Machen Sie sich noch einmal die Atembewegung bewusst. Versuchen Sie danach, den Ausatemstrom zu verlängern, indem Sie auf fff ausatmen. Sprechen Sie ein scharfes fff, und lassen Sie nur wenig Luft durch Ihre Lippen. Die Bauchdecke sollte sich dabei nur sehr langsam wieder senken. Versuchen Sie Ihre Ausatmung bewusst zu führen. Wiederholen Sie diese Übung einige Male.

Wenn Sie sich mit dieser Übung sicher fühlen, versuchen Sie, die Übung im Stehen durchzuführen. Wenn Sie auch hier sicher sind, versuchen Sie es mit der folgenden Übung.

Stütze am Text üben

Um die Stützfunktion am Text zu üben, eignen sich Gedichte besonders gut, da die Zeilen meist gleich lang sind.

Sprechen Sie das nachfolgende Gedicht von Wilhelm Busch. Legen Sie dabei Ihre Hände auf den Bauch oder an die Flanken. Versuchen Sie, immer zwei Zeilen auf einmal zu sprechen, ohne dass sich Ihre Stimme am Ende der zweiten Zeile gepresst anhört. Dies erreichen Sie, indem Sie Ihren Ausatemstrom gezielt führen und die Bauchdecke und die Flanken nicht einfach einsacken lassen.

Wenn Sie sich nach einigen Wochen sicher fühlen, können Sie auch versuchen, mehrere Zeilen auf einmal zu sprechen.

Max und Moritz – Erster Streich

Mancher gibt sich viele Müh’

Mit dem lieben Federvieh;

Einesteils der Eier wegen,

Welche diese Vögel legen;

Zweitens: Weil man dann und wann

Einen Braten essen kann;

Drittens aber nimmt man auch

Ihre Federn zum Gebrauch

In die Kissen und die Pfühle,

Denn man liegt nicht gerne kühle.

 

Seht, da ist die Witwe Bolte,

Die das auch nicht gerne wollte.

 

Ihrer Hühner waren drei

Und ein stolzer Hahn dabei.

Max und Moritz dachten nun:

Was ist hier jetzt wohl zu tun?

Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,

Schneiden sie sich Brot entzwei,

 

 

In vier Teile, jedes Stück

Wie ein kleiner Finger dick.

Diese binden sie an Fäden,

Übers Kreuz, ein Stück an jeden,

Und verlegen sie genau

In den Hof der guten Frau. –

Kaum hat dies der Hahn gesehen,

Fängt er auch schon an zu krähen:

 

Kikeriki! Kikikerikih!! –

Tak, tak, tak! – Da kommen sie.

 

Hahn und Hühner schlucken munter

Jedes ein Stück Brot hinunter;

 

Aber als sie sich besinnen,

Konnte keines recht von hinnen.

 

In die Kreuz und in die Quer

Reißen sie sich hin und her,

 

Flattern auf und in die Höh’,

Ach herrje, herrjemine!

 

Ach, sie bleiben an dem langen,

Dürren Ast des Baumes hangen,

Und ihr Hals wird lang und länger,

Ihr Gesang wird bang und bänger.

 

Jedes legt noch schnell ein Ei,

Und dann kommt der Tod herbei.

 

Witwe Bolte in der Kammer

Hört im Bette diesen Jammer;

 

Ahnungsvoll tritt sie heraus,

Ach, was war das für ein Graus!

 

»Fließet aus dem Aug’, ihr Tränen!

All mein Hoffen, all mein Sehnen,

Meines Lebens schönster Traum

Hängt an diesem Apfelbaum!«

 

Tiefbetrübt und sorgenschwer

Kriegt sie jetzt das Messer her,

Nimmt die Toten von den Strängen,

Daß sie so nicht länger hängen,

 

Und mit stummem Trauerblick

Kehrt sie in ihr Haus zurück.

Dieses war der erste Streich,

Doch der zweite folgt sogleich.