Klingt die Stimme durch Kreide essen höher?

 

Das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein, lässt es vermuten. Aber kann Kreide essen wirklich die Stimme anheben?

 

Nein, denn wenn man Kreide ist, dann landet diese im Magen und kommt nicht an die Stimmbänder.

 

Wissenschaftliche Erläuterung

 

Im Grunde ist es fast unmöglich, dass Kreidestaub auf die Stimmbänder gelangt. Die Tonhöhe der Stimme hängt von der Länge der Stimmbänder und vom Resonanzraum ab, also vom Mundgewölbe und dem Brustkorbvolumen. Wenn man etwas isst, dann wandert es direkt die Speiseröhre hinab in den Magen. Dabei ist der Kehlkopf dreifach geschützt, so dass die Kreide gar nicht an die Stimmbänder ran kommt:

 

  1. Sobald man schluckt, drückt sich die Zunge gegen den Gaumen, und der Kehlkopf zieht sich nach oben und vorne. Durch diese muskulöse Verbindung öffnen sich die Schließmuskeln der Speiseröhre.
  2. Die Stimmbänder schließen sich beim Schlucken und
  3. der Kehldeckel verdeckt den Kehlkopf. Diese drei Funktionen sind notwendig damit die Speise direkt in die Speiseröhre rutscht.

Das heißt, Essen kann die Stimme nicht verändern.

 

Man könnte Kreidestaub einatmen, damit dieser an die Stimmbänder gelangt. Das verursacht jedoch höchstens einen Hustenanfall, macht die Stimme aber nicht höher.

 

 

Bedeutung der Redensart

 

Wie kamen also die Gebrüder Grimm auf diese skurrile Idee? Es gibt eine Redensart – „Kreide fressen“, dessen Quelle im späten Mittelalter vermutet wird. Damit meint man einen gespielt milden und unschuldigen Umgangston. Man will sich bei seinem Gegenüber einschmeicheln – was der Wolf ja auch geschafft hat. In diesem Zusammenhang war auch der Begriff „Kreide streichen im Sinne von schaben üblich, womit man „jemandem schmeicheln“ wollte.

 

Eine weitere Erklärung findet man im Gebrauchsgegenstand Kreide selbst. Diese diente noch im 19. Jahrhundert – zur Zeit der Gebrüder Grimm – als Schmiermittel. Eine hohe Frauenstimme galt als freundlich und versöhnlich. Wollte man eine solche Stimme vortäuschen, musste man seine Stimmbänder „schmieren“.

 

Kreide hatte noch eine weitere Funktion – zumindest unter den Abergläubigen. Kreide galt als Heilmittel und soll Schmerzen gelindert haben. Katholiken haben sie sogar kirchlich geweiht, um die Wirkung zu verstärken. Die Assoziation zur höheren Stimme wäre dann doch recht einleuchtend. Denken Sie an Ihre letzte Grippe. Man konnte tagelang nur krächzen, brachte kein vernünftiges Wort heraus. Und siehe da, kaum isst man ein Stück Kreide, erholt man sich nicht nur, sondern auch die Stimme wird wieder feiner und höher.